Lesejahr C / Joh 2,1-12
Eine Predigt von Pater Gerhard T. Lagleder OSB
gehalten in St Ottilien am 16. Januar 1983
Liebe Mitchristen,
Las Vegas in den USA, das größte Vergnügungszentrum der Welt,
hat eine neue Sensation: Mit einem Aufwand von einigen Millionen bieten die
beiden Deutschen Siegfried und Roy eine Mammut-Zauber-Show, die alle bisherigen
Kassenrekorde bricht. Vielleicht haben Sie im Silvesterabendprogramm des ZDF die
Ausschnitte daraus gesehen.
Siegfried und Roy lassen darin z.B. Menschen spurlos verschwinden oder
auftauchen, zersägen eine Kiste samt spärlich bekleideter Assistentin in zwei
Teile, der sie wenig später lächelnd und ganz entsteigt oder verwandeln sich in
Sekundenschnelle in ein gefährlich fauchendes Raubtier.
Wie gebannt verfolgen die Zuschauer die am laufenden Band dargebotenen
unerklärlichen Attraktionen.
Es liegt offensichtlich etwas ungemein Faszinierendes darin, mitzuerleben wie
der Mensch die Grenzen des ihm Möglichen durch Täuschungen und Tricks und
ungeheuren technischen Aufwand wenigstens scheinbar übersteigt.
Indem sich der Zuschauer mehr oder weniger unbewußt mit dem Zauberer
identifiziert, verdrängt er bewußt - obwohl er's eigentlich weiß - daß ihm ein X
für ein U vorgemacht wird und läßt sich so vorgaukeln, als Mensch über die
Gesetze der Natur erhaben zu sein.
Auch im heutigen Evangelium wird uns erzählt, wie einer auf
unerklärliche Weise die Gesetze der Natur überschreitet. Es mag und darf uns
auch durchaus faszinieren, daß Jesus wie ein Zauberkünstler Wasser in Wein
verwandelt.
Aber dabei dürfen wir nicht stehenbleiben, denn Christus ging es bei der
Hochzeit von Kana nicht darum, als der große Meister der Magie dazustehen und
sich dafür beklatschen oder gar bezahlen zu lassen; es geht ihm auch nicht in
erster Linie darum, dem Brautpaar, das auch ihn mit seiner Mutter und seinen
Jüngern eingeladen hatte, aus der Patsche zu helfen und ihm eine große Blamage
zu ersparen; schon gar nicht ging es ihm darum, die Hochzeit mit den etwa 600
Litern Wein in ein feuchtfröhliches Trinkgelage ausarten zu lassen;
sondern Christus will, wie das Evangelium selbst erklärt, - wie übrigens
mit allen anderen Wundern später auch - ein Zeichen seiner Herrlichkeit
setzen.
Kana war nämlich ein kleines Dorf in Galiläa, wo man zur Zeit
Jesu in ärmlichen Verhältnissen lebte. Man klagte über kleine Löhne, harte
Arbeitsbedingungen und viel Arbeitslosigkeit; das tägliche Brot war keine
Selbstverständlichkeit. Anlässe zum Feiern gab es da kaum. Eine Hochzeit
war daher ein Höhepunkt für das ganze Dorf, wo alle mitfeierten. Da
wurden wenigstens für sieben Tage - so lange feierte man üblicherweise große
Feste - alle Träume vom satten, fröhlichen, vollen Leben wahr. Dafür nahm man es
dann auch in Kauf, bewußt auch weit über seine Verhältnisse hinaus zu leben.
Kein Bräutigam wollte sich lumpen lassen.
So ist es gar kein Wunder, daß der Wein ausging und zeigte nur die echte Armut,
die man einfach nicht überspielen konnte.
Jesus bewahrte den Bräutigam nun davor, sich vor dem ganzen Dorf zu blamieren,
aber sein Eingreifen bedeutete weitaus mehr: Er rettet nicht nur die
Hochzeitsfeier, die mit dem guten Wein jetzt erst richtig anfängt, vielmehr
können wir über das vordergründige Geschehen hinaus im Zeichen des
Wandlungswunders von Kana erkennen, daß Gott durch Jesus Christus die alte
Schöpfung neu macht, Christus wird oft als der neue Adam bezeichnet, der gut
macht, ja weit mehr von Gottes Güte in die Welt bringt, als der Mensch an der
Schöpfung verdorben hatte.
Aber, stimmt denn das überhaupt?
Könnte sich die Hochzeit von Kana nicht genauso gut hier und heute in St.
Ottilien, Eresing, Windach oder Geltendorf, nur ohne Weinwunder, abspielen?
Kleine Löhne, harte Arbeitsbedingungen und viel Arbeitslosigkeit, das sind doch
Schlagwörter, die einer heutigen Tageszeitung entnommen sein könnten und die
vielen von uns ganz unmittelbare Sorgen, auch um das tägliche Brot, bereiten.
Doch auch und gerade in solchen Zeiten will kaum einer auf eine große
Hochzeitsfeier verzichten, selbst wenn sie über seine Verhältnisse geht.
Es geht uns demnach heute auch nicht besser, als denen früher.
Also hat das Wunder vor Kana doch nicht mehr bewirkt, als ein Riesenvergnügen
für die damalige Hochzeitsgesellschaft, also ist doch alles beim Alten
geblieben, stellen viele resigniert fest.
Wo ist sie denn neu geworden, die alte Schöpfung?
Wo ist sie denn geblieben, die Verwandlung, die das Wasser unseres armseligen Lebens in den Wein der Freude verwandelt?
Jesus deutet es bei der Hochzeit von Kana an, als er sagt, seine Stunde sei noch nicht gekommen : die Stunde der Stunden, wo er alles Leid der Welt in Freude wandeln wird. Diese Stunde ist am Karfreitag gekommen.
Schon im Alten Testament hat Gott sein Verhältnis zu den Menschen als Ehebund bezeichnet. Seine Liebe zu den Menschen ist unwiderruflich treu. Immer wieder haben die Menschen diesen Bund gebrochen, indem sie Götzen nachliefen. Gott aber hat sie dennoch nicht verlassen und seinen Bund immer neu angeboten. Gott gab nicht auf und sandte zuletzt sogar seinen Sohn, daß er rette, was verloren war. Selbst dann gibt er nicht auf, als sie ihn nach Golgotha hinaustreiben und ans Kreuz hängen.
Und da geschah die entscheidendste Wandlung aller Zeiten, die in der Wandlung jeder Hl. Messe gegenwärtig wird. Da vollendet sich der Weg der Liebe Gottes mit den Menschen in der völligen Hingabe.
Als Moses gegen den Felsen schlug, schenkte Gott in seiner
Liebe seinem Volk das lebensnotwendige Wasser.
Als die Diener bei der Hochzeit von Kana Wasser in die Krüge füllten, schenkte
Gott in seiner Liebe ihnen Wein, der die Herzen erfreut.
Und
als Jesus mit seinen Jüngern am Abend vor seinem Leiden gegessen hatte, nahm er
den Kelch mit Wein, reichte ihn seinen Jüngern und sprach: "Nehmet und
trinket alle daraus, das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut,
das für Euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden."
Damit sagt er uns selbst im voraus, was am Karfreitag, wenn seine Stunde
gekommen ist, passiert: In seinem Blut, das für uns alle vergossen wird
zur Vergebung der Sünden, schließt er mit uns einen neuen und ewigen Bund.
Das ist der Gipfel und das Vermächtnis seiner Liebe.
Die Hochzeit von Kana deutet am Beginn des Wirkens Jesu bereits an, worauf er mit seinen Worten, Wundern und Taten, mit seinem ganzen Leben hinauswill: Uns seine Herrlichkeit zu zeigen und für ihn zu begeistern; darüber hinaus aber noch unendlich mehr: Uns durch den Glauben Anteil zu geben an seiner Herrlichkeit im ewigen Leben mit und in ihm.
Das ist die wahrhaft frohmachende Botschaft des heutigen Tages.
Amen.
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