Lesejahr C / Lk (1,1-4 ; ) 4,14-21
Eine Predigt von Pater Gerhard T. Lagleder OSB
gehalten in St Ottilien am 23. Januar 1983
Liebe Mitchristen,
Alle 50 Jahre sollen sämtliche Grundstücke und Häuser, die
verkauft worden sind, an ihre ursprünglichen Besitzer zurückfallen. Außerdem
soll dann allen zahlungsunfähigen Schuldnern und allen Zwangsarbeitern die
Freiheit geschenkt werden.
Können Sie sich vorstellen, wer das gefordert hat?
Nein, es ist kein neuer sowjetischer Propagandatrick.
Es hat auch kein südamerikanischer Befreiungskämpfer gesagt.
Diese Bestimmungen stehen in der Hl. Schrift, und zwar im Buch Levitikus des
Alten Testamentes.
Die Israeliten sollen alle 50 Jahre ein Jubeljahr ausrufen, in dem die
ursprünglichen Besitzverhältnisse wiederhergestellt und Schuldner und Sklaven
freigelassen werden.
Welch eigenartiges Gesetz! Aber doch faszinierend, weil es überdeutlich vor
Augen führte, daß aller Besitz, den wir haben, doch im Letzten nicht uns gehört,
sondern Gottes Eigentum ist, der uns die Welt zur Nutzung anvertraut hat.
Wer tief verschuldet war, die Schuld nicht zurückbezahlen konnte und deshalb im
Gefängnis saß oder wer als Sklave Zwangsarbeit leisten mußte und jetzt frei
wurde, hatte in einem solchen Jubeljahr, welches das Alte Testament auch Hl.
Jahr nennt, wirklich allen Grund zum Jubeln, denn so etwas kommt nur alle
heiligen Zeiten - eben im Hl. Jahr - einmal vor.
Was den Israeliten im Alten Bund im Jubeljahr zuteil wurde,
daß sie von Schuldhaft und Unfreiheit befreit wurden, das kündigte auch
(Trito-)Jesaia an, wie wir gerade im Evangelium gehört haben.
"Der Herr ... hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht
bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde ... damit ich die
Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe."
Diese Stelle las Jesus im jüdischen Gottesdienst vor und Lukas berichtet
uns auch, was er anschließend predigte. Die Kernaussage genügt ihm für die
Darstellung:
"Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört, habt, erfüllt."
Damit sagt uns Jesus, daß er es ist, den der Herr
gesandt hat, um das Heil für die Menschen zu bringen.
Dieses Gnadenjahr des Herrn dauert Jesu ganzes irdisches Leben lang und findet
seinen Höhepunkt und seine Erfüllung in seinem Tod und in seiner Auferstehung.
Jesu Gnadenwirken wendete sich den Bedürftigen, den Gefangenen und
Niedergebeugten zu und seine Gnade lindert nicht nur vorübergehend,
sondern heilt für immer.
Denn Gott sieht mehr als unsere vordergründigen Bedürfnisse;
Der Abschluß der Erlösungstat in Tod und Auferstehung Jesu
jährt sich heuer zum 1950. mal.
Deshalb ist auch 1983 ein Hl. Jahr, ein Gnadenjahr des Herrn.
Als solches hat es unser Hl. Vater Papst Johannes Paul II am vergangenen
Weihnachtsfest ausgerufen.
Aber, Gott wirft uns seine Gnade nicht nach. Dazu schätzt er
uns zu sehr, als daß er uns aufdrängte, was wir gar nicht haben wollen.
Das bedeutet mit anderen Worten, daß es an uns, an jedem Einzelnen von uns
liegt, ob dieses Hl. Jahr auch für ihn ein besonderes Gnadenjahr wird.
Aber, was können wir denn tun?
Wie können wir, Sie und ich, das Hl. Jahr 1983 feiern?
Ich glaube, daß es in erster Linie darum geht, daß wir wieder neu ernst
machen mit unserem Glaubensleben.
Wir schweben doch alle in Gefahr, auch im Glauben zur Routine und
Gedankenlosigkeit überzugehen.
Und wenn Sie ganz ehrlich sind, werden Sie vielleicht mit mir
kleinlaut werden und beschämt sprechen: Ich bekenne, daß ich vor allem viel
Gutes unterlassen, aber auch Böses getan habe.
Ganz schön anspruchsvoll, der Herrgott, werden Sie vielleicht klagen.
Und ich kann und will Ihnen nichts anderes antworten als:
Ja, da heben Sie ganz recht! Gott ist ganz schön anspruchsvoll! Er will unsere
ganze Zuwendung, wie auch er sich uns ganz zugewendet hat.
Aber, das schaffe ich einfach nicht, könnten Sie jetzt noch einwenden.
Doch, Sie schaffen es, wenn Sie wollen, weil Gott Ihnen alles gibt was Sie zum
Leben, auch, was Sie zum ewigen Leben brauchen:
Er gibt sich Ihnen nämlich selbst.
Und indem uns Jesus den Hl. Geist gesandt hat, hat er uns auch die Kraft
gegeben und so vollendet Gott selbst in uns, was wir in unserer
Schwachheit nicht fertig bringen.
Ja, er vergibt uns sogar, was wir in dieser Schwachheit gesündigt haben.
So soll dieses Hl. Jahr 1983 eine besondere Einladung für uns sein, uns ehrlich darauf zu besinnen, wie es mit unserem Glaubensleben steht; es nicht zur gedankenlosen, leeren Routine herabzuwürdigen, sondern wieder bewußt und neu anzufangen, uns für Gott zu öffnen.
Denn das Gnadenjahr des Herrn ist ausgerufen, um uns aus dem Gefangensein in der Schuld und aus dem Versklavtsein an die Sünde zu befreien.
Denn Gott will uns den ursprünglichen Besitz wieder zurückgeben, das ewige Leben bei ihm.
Amen.
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