Hochfest der Geburt des Herrn

(Am Tag) Joh 1,1 - 14 (=Kurzfassung)
Eine Predigt von Pater Gerhard T. Lagleder OSB
gehalten in St. Ottilien am 25. Dezember 1982

Liebe Mitchristen,

vielleicht erkennen Sie sich mit mir zurück an die Zeit vor der Erneuerung des Gottesdienstes: Ich war damals noch ein Kind und Ministrant im Regensburger Dom. Ich erinnere mich noch genau daran, dass dieser Abschnitt der Frohbotschaft Christi den wir eben gehört haben, bei jeder Heiligen Messe als so genanntes „Schlussevangelium“ gesprochen wurde. Ich weiß es wohl deshalb noch so genau, weil ich ihn damals nie verstanden habe, nicht nur weil er auf Lateinisch gesprochen wurde.

"Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Vielleicht können Sie damit auch nicht viel anfangen. Das Wort soll Gott sein? Was ist schon ein Wort? Redet man nicht viele Worte, wenn der Tag lang ist? Macht man nicht oft viele Worte um nichts? Gehen uns nicht die meisten Worte, die wir hören zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus? Ja, machen wir uns nicht oft nur "schöne Worte" vor, um den anderen zu täuschen?

Sind etwa auch die Worte der Weihnachtsbotschaft solche "schöne Worte", die wir in allenfalls mit „schön wär's“ beantworten?

Gestern Morgen sagte der Sprecher im Musikjournal des bayerischen Rundfunks: "Ein bisschen Frieden wenn uns jemand auf den Gabentisch legen könnte, das wäre im wahrsten Sinne des Wortes eine schöne Bescherung.“ Da habe ich aufgehorcht. Klingt aus diesem Wunsch nicht heraus: "Schön wär's, wenn‘s wahr wäre, was die himmlische Schar bei der Verkündigung der Weihnachtsbotschaft an die Hirten sprach und wir eben wie jeden Sonntag im „Gloria“ gebetet haben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade“?

Ist die Weihnachtsbotschaft nur eine unerfüllte Wunschvorstellung? Täuschen wir uns etwa an Weihnachten selbst, wenn wir angesichts des Unfriedens in der Welt sozusagen in eine Traumwelt von Kerzenschein, Lametta-Glanz, lieblicher Musik und schön verpackten Geschenken flüchten?

Wenn das stimmt, wenn der Sinn von Weihnachten nur in diesen Äußerlichkeiten besteht, dann dürfen wir das Christkind, den Christbaum und die Christnacht sofort abschaffen und die Show dem Weihnachtsmann übergeben, der es wohl besser versteht, Stimmung zu machen nach dem Motto "Friede, Freude, Heiterkeit" als ein armseliges Kind, das in einem erbärmlichen Stall zur Welt kommt.

Denn der Glanz von Weihnachten vergeht, die Kerzen erlöschen und der Christbaum nadelt bald ab. Die Schaufenster der Geschäfte haben den Weihnachtsschmuck bereits ab-dekoriert und zeigen schon Luftschlangen, Konfetti und Knallkörper.

Was bleibt, wenn alle Glanz vergeht, ist Christus, der uns an Weihnachten nicht nur kurz Grüß Gott sagt, um uns dann wieder alleine zu lassen, sondern der gekommen ist, der Fleisch, d.h. ganz Mensch geworden ist, um unser Leben mit uns zu gehen.

In Christus hat sich Gott ge-äußert und ent-äußert, d.h. sie hat uns sein Wesen mitgeteilt, er hat uns gezeigt, gesagt und vorgelebt, wie Gott wirklich ist. Das meinen wir, wenn wir zum Beispiel im „Engel des Herrn“ mit Johannes sprechen: „Das Wort ist Fleisch geworden."

Ein Wort ist also mehr als die Schwingung der Stimmbänder: In Worten denken wir, in Worten äußern wir uns, in unseren Worten äußert sich unser Wesen, wie wir sind; in Worten teilen wir uns mit.

Gott teilt sich uns mit, indem er sein Leben mit uns teilt. Sein Wort, seine Selbstmitteilung ist in Christus Fleisch, d.h. Mensch geworden.

Seit der Weihnacht ist uns Gott nicht mehr fern, nicht unnahbar, nicht unbegreiflich, weil er sich zu uns auf die gleiche Stufe gestellt hat, damit wir ihn verstehen, wenn er sich uns mitteilt.

Es hat uns nicht nur etwas von sich oder über sich; er schreibt uns keine klugen, dicken Bücher über Gott; nein, Gott schenkt sich uns Menschen selbst in Christus, der heute als Kind in der Krippe vor uns liegt.

Aber was heißt das: „Gott schenkt sich mir in seinem Sohn?"
Was sollen wir denn mit diesem im Papier des göttlichen Geheimnisses schön verpackten Geschenk anfangen?
Das ist die entscheidende Frage, die uns Weihnachten stellt.

An unserer Antwort darauf entscheidet sich, ob das Weihnachtslicht mit dem Ausbrennen der Christbaumkerzen in uns verlischt, oder ob es die Finsternis unseres ganzen weiteren Lebens erhellt.

Eine Antwort, wer dieser Gott ist der sich uns der heute schenkt, kommen wir näher, wenn wir das Geschenk nicht ungeöffnet und unbesehen mit dem Vermerk "Annahme verweigert" zurückschicken, sondern annehmen und es auszupacken beginnen. Und wenn wir das Band der unserer Vorbehalte erst mal gelöst haben, dann enthüllt sich uns Gott von selbst und fällt uns in den Schoß.

Und wenn wir dann noch bereit sind, in nicht achtlos in irgendeine Schublade unseres Lebens zu legen, um ihn dort verstauben zu lassen, sondern ihn in unsere Hände nehmen und ihm auf dem Gabentisch unseres Lebens Platz machen, dann wird er sich uns in seiner ganzen Größe zeigen und wir werden seine Herrlichkeit schauen. Dann ist er auch das wahre Licht, das unser Herz erleuchtet und unser Leben in göttlichem Schein erstrahlen lässt. Und dann beginnen wir zu erfahren, dass das göttliche Leben unser Licht ist. Deshalb zünden wir an Weihnachten die Kerzen am Christbaum an, deshalb singen wir frohe Lieder und beschenken uns gegenseitig.

Je mehr wir uns dann dem Licht des göttlichen Lebens öffnen, desto mehr begegnen und erfahren wir Gott.

„Denn Christus ist das wahre Leben,
die Wahrheit und das Licht der Welt.
Er hat der in der Lieb‘ gegeben
den Weg zu Gott, der dich erwählt‘“,

heißt es in einem Weihnachtsgedicht.

Der Weg zu Gott ist also die Liebe. Die Tiefe dieses Satzes begreifen wir, wenn wir uns an Christi Wort erinnern: „Ich bin der Weg … keiner kommt zum Vater außer durch mich."

So dürfen wir, wenn wir dafür bereit und offen sind, an Weihnachten Gott am tiefsten erfahren, wenn wir erkennen, dass Jesus Christus, der wahre Gott, die Liebe ist, die der Weg zu Gott ist.

Gott führt uns durch sich selbst zu sich hin! Und daraus entsteht wahrer Friede!

Friede herrscht, wenn wir in Liebe, also in Gott leben.

Das ist das Geheimnis von Weihnachten.

Gott wird Mensch, um uns wieder zu sich zu führen!

Das bereits genannte Gedicht (aus meiner eigenen Feder) fasst in tiefer Aussage zusammen, was ich Ihnen zu Weihnachten sagen will und wollte:

Unfassbar, dass der Herr der Welten
sein liebend‘ Wort als einst die Zeit,
wie Engel und Propheten melden,
erfüllt war, sprach zu uns erneut.

Das erste Wort der Liebe rief
die Welt und alles Leben
nach Gottes weisem Ratschluss tief
ins Sein, was ‘s vorher nicht gegeben.

Die volle Freiheit lässt die Liebe
des Schöpfers jedem Mensch‘ als Gab‘,
dass für ihn frei er sich entschiede,
doch wandte er sich sträflich ab.

Weil Liebe groß ist im Vergeben
sprach Gott erneut der Liebe Wort
und Fleisch geworden kam das Leben
zur Welt und nahm die Strafe fort.

Denn Christus ist das wahre Leben,
die Wahrheit und das Licht der Welt.
Er hat der in der Lieb‘ gegeben
den Weg zu Gott, der dich erwählt‘.

So feiern wir in dieser Zeit
dass Gott dir schenkt in seinem Sohn
den Retter, der von Schuld befreit
und dir verheißt des Himmels Lohn.

So nah‘n wir staunend uns der Krippe,
in Ehrfurcht knien wir im Kreise
und werden stumm vor so viel Liebe
wie damals Hirten schon und Weise.

Dort darfst du alle Scheu vergessend
dem göttlich‘ Kind zu Füßen legen
dein Herz an seiner Liebe messend
was er dir gab: dein Sein und Leben.

Und huldvoll gibt er ‘s dir zurück,
in seinem Dienst ist zu verschwenden,
zu führen aller Menschen Blick
zum Licht aus aller Erde Enden.

Und wenn du wirst dabei mal schwach
in deine Müh‘n um Christi Licht,
dann geht dir Gott in Liebe nach,
denn er verlässt die Seinen nicht.

Gerade schreibt auf krummen Zeilen
des Lebens dein des Heiland Hand,
der, um sich anderen mitzuteilen,
als Werkzeug dich für gut befand.

Drum lasst uns dankbar fröhlich singen
zusammen mit der Engel Schar,
die uns die frohe Botschaft bringen:
Gelobt sei Gott! Halleluja!

Amen.




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